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Wave of Life

Sie zog aus, um die Finanzwelt zu erobern und bereist heute als Abenteurerin die ganze Erde. Die mehr als ungewöhnliche Lebensgeschichte von Österreichs einzigem Kitesurf-Profi.

Text: Gabi Steindl
Kurz vor 6:30 Uhr läutet der Wecker, ich springe aus den Federn. Fernseher an, CNN bringt die jüngsten News aus der Finanzwelt. Ich koche Kaffee und hüpfe in die Dusche. Ein kurzer Blick aus dem Fenster meines Appartements im 16. Stock mitten in Downtown Hongkong, um zu sehen, ob es nach Regen aussieht oder … Während ich Mascara auftrage, überlege ich, welches Power- Outfit ich heute tragen werde. Ob die handgemachten Schlangenlederschuhe, die ich kürzlich bei dem alten, verrunzelten, kleinen Chinesen am Markt, von dem ich mir immer meine Schuhe machen lasse, gekauft habe, wohl zu meinem neuen CK-Kostüm passen? Oder vielleicht doch besser die anthrazitfarbene Hose mit dem dazu passen- den Top … Schwierig, aber viel Zeit zum Nachdenken habe ich nicht. In Hongkong ticken die Uhren anders, viel schneller als irgendwo sonst. Die Straßen sind Tag und Nacht voller Menschen, die alle auf einem Rennen zu sein scheinen. Ja, Zeit ist ein absolutes Luxusgut hier, das sich selbst die Reichsten nicht leisten können oder wollen. Alle sind auf Pulsrate 180 und das 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Dies macht den Wenigsten hier Sorgen, denn nur so hat man keine Zeit darüber nachzudenken, was einem im Leben wirklich wichtig wäre. Wichtiger als das fetteste Auto oder das neueste High-Tech-Spielzeug, wichtiger als Uhren, Schmuck, und und und … Ein Blick auf meinen Terminkalender, aha, Meeting mit dem Advertising Manager von Singapore Airlines am Nachmittag, ich entschließe mich für das Outfit von Calvin Klein. Was steht heute sonst noch auf der Agenda? Kick-Box- Stunde um 20:30 Uhr, perfekt, das werde ich brauchen, um mich nach dem Tag abzureagieren. Nach gut 12 Stunden im Büro werden die Energie-Reserven zwar schon etwas niedrig sein und oft schaff e ich’s erst gegen 23 Uhr ins Fitnesscenter, aber Bewegung hatte für mich immer schon absolute Priorität und ist mein Ausgleich zu Stress und Arbeit.

Erfolg pur – doch zu wenig

Das obige Morgen-Szenario ist mittlerweile Geschichte und gute neun Jahre her … Obwohl ich mit 25 so ziemlich alles erreicht, was ich mir in meinen Teenager-Jahren gewünscht hatte, und mein „Lebensziel“ verwirklicht war, nämlich: einen Top-Manager-Job in den Wolkenkratzern einer der größten Metropolen der Welt, ein Büro in einem gläsernen Kunstwerk der modernen Architektur zu haben, Verantwortung, eine Sekretärin, die fast doppelt so alt war wie ich, regelmäßige Business-Reisen durch ganz Asien, ein Appartment in Soho auf Hongkong Island mit einem spektakulären Blick auf die atemberaubende Skyline, ein gutes Einkommen … Und doch hatte ich das Gefühl, dass das Leben viel zu schnell an mir vorbeizog.Ein Foto in der printfrischen Ausgabe meines damaligen Arbeitgebers „Action Asia Magazine“, der führenden Mediengruppe in Asien für Extremsport und Abenteuer- Reisen, veränderte mein Leben. Fasziniert starrte ich auf einen Kitesurfer, der anhand eines Riesen-Lenkdrachens über das Wasser gleitet, ja, auf einem anderen Bild „fl iegt“ er sogar hoch durch die Luft. Die Fotos weckten in mir ungeheure Emotionen. Dieser neue Sport, der auch eine „Revolution am Wasser“genannt wird, schien mir die perfekte Kombination von allem, was ich liebte und in meiner Freizeit ausgelassen lebe: Fallschirmspringen, Wakeboarden, Snowboarden, Tauchen, Reiten… Kurz danach kündigte ich meine Anstellung in Hongkong, verließ Asien zum ersten Mal seit meiner Ankunft vor gut zwei Jahren und beschloss meine Träume voll auszuleben: Ich wollte Kitesurfen lernen! Ich war besessen von der Idee, aber im windlosen Hongkong sah ich für ihre Verwirklichung keine Chance. Familie und Freunde erklärten mich als „völlig durchgeknallt“ und versicherten mir,dass ich mir mein Leben verbauen würde, nachdem ich mich doch schon so hoch hinaufgearbeitet hatte. Ich konnte aber nicht anders: Ich folgte meiner Intuition und dem Ruf meines Herzens. Das Foto in dem Magazin weckte meinen Ur-Kindheitstraum vomWellenreiten und einem Leben am Meer.Schon im Alter von nur fünf Jahrenerklärte ich meinem Vater zum allerersten Mal: „Ich will nach Hawaii und dort auf Wasserbergen reiten.“ In einem der wenigen Binnenländer Europas geboren, viele hundert Kilometer vom nächsten Meer entfernt, blieb es jedoch bis zu jenem Tag vor neun Jahren bei einem Traum und Postern von Surfern an den Wänden meines Zimmers.

Erste Versuche

Entgegen sämtlichen Ratschlägen reiste ich also nach Marokko, wo ich nun endlich das Kitesurfen versuchen konnte. Meine unglaublich raschen Lernerfolge in kürzester Zeit ließen mich meine Träume weiterspinnen und bestärkten mich darin, nach den Sternen zu greifen: Ich wollte herausfi nden, wie gut ich werden und ob ich es bis zum Kiteprofi im Weltcupzirkus schaffen könnte. Selbst eine Verletzung in Marokko, durch die ich mir einen bösen Wundbrand einfi ng und welche bei meiner Rückkehr beinahe in der Amputation der großen Zehe meinesr echten Fußes im Wiener AKH resultierte, konnte mich nicht von meinem Plan abbringen. Ein selbst auferlegtes und durchgeplantes Hardcore-Trainingscamp
auf der Insel Margarita in Venezuela (ein sehr windiges Plätzchen) folgte, bevor es zu meinem ersten Weltcup-Event ging:Dem Kitesurf Weltcup in Podersdorf am Neusiedlersee, bei dem ich überglückliche Siebente wurde. Der Rest ist Geschichte, „Kitegabi“ war geboren!

Am Ziel

Seit über acht Jahren bin ich Österreichseinziger professioneller Kitesurf-Voll- Profi . Viele Jahre war ich ganz vorne im Kitesurf Weltcup mit dabei, immer in den Top 10 der Weltrangliste und durfte mich in dieser Zeit über viele Siege und Top-Platzierungen freuen, bevor ich neuerlich einen drastischen Move in meiner Karriere machte:Ich entschied mich, die Wettkämpfe an den Nagel zu hängen und erneut einen etwas anderen Weg als meine Profi-Kollegen zu gehen. Heute bestimmen Monster-Wellen meine Karriere, ich bin das einzige Kite-Girl weltweit, das sich in die ganz großen Brecher wagt. Darüber hinaus bin ich das ganze Jahr auf der Suche nach neuen, noch ganz unbekannten Kitesurf- Destinationen. Ich arbeite mit führenden Medien, schreibe Artikel in mehreren Sprachen und wirke in TV- und DVDProduktionen mit. Meine Trips der letzten Jahre brachten mich schon an die entlegensten Plätze der Welt: Ich kitesurfte auf unbekannten Seen in Russland, ritt perfekte Wellen an Küsten im tiefsten Outback Australiens, erkundete Belize, Venezuela, Brasilien, Mexiko, diverse Inseln der Karibik und viele andere Ziele unseres faszinierenden
Planeten. In meiner Mission „Globetrotting Freerider“ zieht es mich magisch an immer ungewöhnlichere Flecken dieser Erde.

Seine Leidenschaft leben

Meinen Kindheitstraum zu leben, verlangt mindestens genauso viel Ausdauer und harte Arbeit wie meine Management- Positionen von früher, nur, dass ich dabei viel glücklicher bin. Ich bin eine „One-Woman-Agency“ in allen Belangen: Profi-Athletin, Managerin, Coach, Marketing & PR, Reisebüro, Buchhalterin, Projektleiterin, Fotografin u.v.m. Dabei ist mein Büro „mobil“ und ich arbeite mit meinem Laptop an allen Ecken der Welt. Das ist die Mühe allemal wert. Die Welt ist für mich heute Abenteuer und Herausforderung. Mein doch recht ungewöhnlicher Lebensweg ist meine ganz persönliche „Real-Life Case Study“, die mich immer wieder aufs Neue
mit tiefster Freude erfüllt. Meine Erfahrung und meine Erkenntnis daraus: Wenn man den Mut hat, seinen Träumen zu folgen und das damit verbundene Risiko einzugehen, kann man diese Träume Wirklichkeit werden lassen. Man muss es nur von ganzem Herzen wollen und sich von absolut nichts und niemandem von diesem Weg abbringen lassen.

Briefe an für Mich aus aller Welt

Ab der kommenden Ausgabe werde ich in meiner Kolumne von meinen Abenteuern rund um den Globus berichten. Ich möchte mit Ihnen die Herausforderungen teilen, denen ich mich mit jeder neuen Reise stelle. Keine Fachsimpelei über den Sport, nein, Leidenschaften leben und das Abenteuer Reisen stehen im Vordergrund. In andere Welten einzutauchen, fremde Kulturen und Menschen kennen zu lernen, die Bedeutung, die das Reisen auf unsere Persönlichkeitsentwicklung haben kann, die Wichtigkeit für den inneren Seelenfrieden, einer Leidenschaft nachzugehen, die Erkenntnis, dass sich Mut und etwas Risikobereitschaft fast immer bezahlt machen, die Mutter Natur als Lebenselixier darzustellen und die unwahrscheinliche Kraft und Energie, die wir aus ihr gewinnen können, all das möchte ich mit Ihnen teilen. Und ganz nebenbei möchte ich Sie zum Nachdenken anregen, über das Leben und den Sinn, den jeder für sich ganz persönlich definieren muss und über „Carpe Diem“, getreu meinem Motto „Das Leben ist keine Generalprobe“. Ich freue mich schon …




 
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