Wave of Life

Sie zog aus, um die Finanzwelt zu erobern und bereist heute als Abenteurerin die ganze Erde. Die mehr als ungewöhnliche Lebensgeschichte von Österreichs einzigem Kitesurf-Profi.
Text: Gabi Steindl
Erfolg pur – doch zu wenig
Das obige Morgen-Szenario ist mittlerweile Geschichte und gute neun Jahre her … Obwohl ich mit 25 so ziemlich alles erreicht, was ich mir in meinen Teenager-Jahren gewünscht hatte, und mein „Lebensziel“ verwirklicht war, nämlich: einen Top-Manager-Job in den Wolkenkratzern einer der größten Metropolen der Welt, ein Büro in einem gläsernen Kunstwerk der modernen Architektur zu haben, Verantwortung, eine Sekretärin, die fast doppelt so alt war wie ich, regelmäßige Business-Reisen durch ganz Asien, ein Appartment in Soho auf Hongkong Island mit einem spektakulären Blick auf die atemberaubende Skyline, ein gutes Einkommen … Und doch hatte ich das Gefühl, dass das Leben viel zu schnell an mir vorbeizog.Ein Foto in der printfrischen Ausgabe meines damaligen Arbeitgebers „Action Asia Magazine“, der führenden Mediengruppe in Asien für Extremsport und Abenteuer- Reisen, veränderte mein Leben. Fasziniert starrte ich auf einen Kitesurfer, der anhand eines Riesen-Lenkdrachens über das Wasser gleitet, ja, auf einem anderen Bild „fl iegt“ er sogar hoch durch die Luft. Die Fotos weckten in mir ungeheure Emotionen. Dieser neue Sport, der auch eine „Revolution am Wasser“genannt wird, schien mir die perfekte Kombination von allem, was ich liebte und in meiner Freizeit ausgelassen lebe: Fallschirmspringen, Wakeboarden, Snowboarden, Tauchen, Reiten… Kurz danach kündigte ich meine Anstellung in Hongkong, verließ Asien zum ersten Mal seit meiner Ankunft vor gut zwei Jahren und beschloss meine Träume voll auszuleben: Ich wollte Kitesurfen lernen! Ich war besessen von der Idee, aber im windlosen Hongkong sah ich für ihre Verwirklichung keine Chance. Familie und Freunde erklärten mich als „völlig durchgeknallt“ und versicherten mir,dass ich mir mein Leben verbauen würde, nachdem ich mich doch schon so hoch hinaufgearbeitet hatte. Ich konnte aber nicht anders: Ich folgte meiner Intuition und dem Ruf meines Herzens. Das Foto in dem Magazin weckte meinen Ur-Kindheitstraum vomWellenreiten und einem Leben am Meer.Schon im Alter von nur fünf Jahrenerklärte ich meinem Vater zum allerersten Mal: „Ich will nach Hawaii und dort auf Wasserbergen reiten.“ In einem der wenigen Binnenländer Europas geboren, viele hundert Kilometer vom nächsten Meer entfernt, blieb es jedoch bis zu jenem Tag vor neun Jahren bei einem Traum und Postern von Surfern an den Wänden meines Zimmers.Erste Versuche
Entgegen sämtlichen Ratschlägen reiste ich also nach Marokko, wo ich nun endlich das Kitesurfen versuchen konnte. Meine unglaublich raschen Lernerfolge in kürzester Zeit ließen mich meine Träume weiterspinnen und bestärkten mich darin, nach den Sternen zu greifen: Ich wollte herausfi nden, wie gut ich werden und ob ich es bis zum Kiteprofi im Weltcupzirkus schaffen könnte. Selbst eine Verletzung in Marokko, durch die ich mir einen bösen Wundbrand einfi ng und welche bei meiner Rückkehr beinahe in der Amputation der großen Zehe meinesr echten Fußes im Wiener AKH resultierte, konnte mich nicht von meinem Plan abbringen. Ein selbst auferlegtes und durchgeplantes Hardcore-Trainingscampauf der Insel Margarita in Venezuela (ein sehr windiges Plätzchen) folgte, bevor es zu meinem ersten Weltcup-Event ging:Dem Kitesurf Weltcup in Podersdorf am Neusiedlersee, bei dem ich überglückliche Siebente wurde. Der Rest ist Geschichte, „Kitegabi“ war geboren!
Am Ziel
Seit über acht Jahren bin ich Österreichseinziger professioneller Kitesurf-Voll- Profi . Viele Jahre war ich ganz vorne im Kitesurf Weltcup mit dabei, immer in den Top 10 der Weltrangliste und durfte mich in dieser Zeit über viele Siege und Top-Platzierungen freuen, bevor ich neuerlich einen drastischen Move in meiner Karriere machte:Ich entschied mich, die Wettkämpfe an den Nagel zu hängen und erneut einen etwas anderen Weg als meine Profi-Kollegen zu gehen. Heute bestimmen Monster-Wellen meine Karriere, ich bin das einzige Kite-Girl weltweit, das sich in die ganz großen Brecher wagt. Darüber hinaus bin ich das ganze Jahr auf der Suche nach neuen, noch ganz unbekannten Kitesurf- Destinationen. Ich arbeite mit führenden Medien, schreibe Artikel in mehreren Sprachen und wirke in TV- und DVDProduktionen mit. Meine Trips der letzten Jahre brachten mich schon an die entlegensten Plätze der Welt: Ich kitesurfte auf unbekannten Seen in Russland, ritt perfekte Wellen an Küsten im tiefsten Outback Australiens, erkundete Belize, Venezuela, Brasilien, Mexiko, diverse Inseln der Karibik und viele andere Ziele unseres faszinierendenPlaneten. In meiner Mission „Globetrotting Freerider“ zieht es mich magisch an immer ungewöhnlichere Flecken dieser Erde.
Seine Leidenschaft leben
Meinen Kindheitstraum zu leben, verlangt mindestens genauso viel Ausdauer und harte Arbeit wie meine Management- Positionen von früher, nur, dass ich dabei viel glücklicher bin. Ich bin eine „One-Woman-Agency“ in allen Belangen: Profi-Athletin, Managerin, Coach, Marketing & PR, Reisebüro, Buchhalterin, Projektleiterin, Fotografin u.v.m. Dabei ist mein Büro „mobil“ und ich arbeite mit meinem Laptop an allen Ecken der Welt. Das ist die Mühe allemal wert. Die Welt ist für mich heute Abenteuer und Herausforderung. Mein doch recht ungewöhnlicher Lebensweg ist meine ganz persönliche „Real-Life Case Study“, die mich immer wieder aufs Neuemit tiefster Freude erfüllt. Meine Erfahrung und meine Erkenntnis daraus: Wenn man den Mut hat, seinen Träumen zu folgen und das damit verbundene Risiko einzugehen, kann man diese Träume Wirklichkeit werden lassen. Man muss es nur von ganzem Herzen wollen und sich von absolut nichts und niemandem von diesem Weg abbringen lassen.
